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Die unterschätzte Gefahr

…Gerhard Klöpper von der Drogenberatung im Interview über die Folgen der Volksdroge

Von Maximilian Löchter
KREIS UNNA Der Drogen und Suchtbericht der Bundesregierung für das Jahr 2014 unterstreicht erneut, dass synthetische Drogen weiter auf dem Vormarsch sind. Während sie sich schnell  ausbreiten, vermehrt sich auch das Suchtpotenzial durch zu hohen Alkoholgenuss. Im Interview Gerhard Klöpper, Geschäftsstellenleiter der Drogenberatung Unna, wie er diese Phänomene einschätzt.

„Ein Gläschen Wein am Abend schadet nicht“, sagt man. Doch ab wie vielen Gläschen spricht man von Alkoholismus?

Gerhard Klöpper: Für Erwachsene bestehen Grenzwerten für einen risikoarmen Konsum. Als klar gesundheitsschädlich würde es für Frauen ab etwa 13 Gramm reinem Alkohol täglich und für Männer ab 25 Gramm täglich gefährlich werden.

Umgerechnet in gängige Getränke, wie Bier oder Wein bedeutet das dann was?

Klöpper: Ein 0,3-Bier enthält etwa 13 Gramm reinen Alkohol, ein 0,2-Liter-Glas Wein hat 16 Gramm und eine 0,3-Literflasche Alkopop hat 15 Gramm.

Stichwort Alkopops, wie gefährdet sind Jugendliche in Sachen Alkoholismus?

Klöpper: Jugendliche sind organisch noch anfälliger als Erwachsene. Alkohol ist ein Zellgift, das schon in geringen Mengen Körperorgane und Nervenzellen schädigt. Insbesondere wird bei Jugendlichen die Reifung des Gehirns durch Alkohol in Mitleidenschaft gezogen. Alkoholismus kann nur durch eine ausführliche Krankengeschichte erkannt werden (Anamnese). Das Alkoholentzugssyndrom (erster Indikator) ist durch Tremor (zittern), Unruhe, starkes Schwitzen, Schlafstörungen und Stimmungsschwankungen gekennzeichnet.

Sind Betroffene in der Lage, selbst die Reißleine zu ziehen?

Klöpper: Nein, aber Ausnahmen bestätigen die Regel.

Wie sollten Verwandte/Freunde reagieren, wenn sie glauben, dass jemand aus ihrer Umgebung ein Alkoholproblem hat? Schließlich möchte man niemanden zu Unrecht verdächtigen.

Klöpper: Ruhe bewahren und überlegen, wie Sie die betroffene Person ansprechen können. Suchen Sie eine ruhige Gesprächssituation und bleiben Sie im Gespräch.

Und wenn sich der Verdacht bestätigt, wie verhalte ich mich dann?
Klöpper: Suchen Sie Rat und Hilfe. Wenn Sie Unterstützung benötigen, rufen Sie eine Suchtberatungsstelle an. Hier haben Sie die Möglichkeit, vertrauensvoll über Ihre Sorgen und Ängste mit kompetenten Fachkräften zu reden. Die Beratung ist kostenlos. Selbstverständlich wird Ihr Anliegen vertraulich behandelt. Es gilt die Schweigepflicht.

In den Medien ist immer wieder über das so genannte „Koma-Saufen“ zu lesen. Wann müssen Eltern bei ihrem Kind hellhörig werden?

Klöpper: Häufig geben konkrete Anlässe Grund zur Sorge: Ihr Kind kommt angetrunken nach Hause, riecht nach Cannabis. Hinzu kommen weitere Alarmsignale wie massive Stimmungsschwankungen und impulsives Verhalten, was Sie nur schwer nachvollziehen können.

Wie vermitteln Eltern ihren Kindern überhaupt einen verantwortungsvollen Umgang mit Alkohol?

Klöpper: Kinder lernen im Elternhaus grundlegende Verhaltensweisen. Sie beobachten, wie Erwachsene mit Alkohol und anderen Rauschmitteln umgehen. Es geht nicht darum, sich immer perfekt und tadellos zu verhalten. Vorbild sein bedeutet, aufrichtig über das eigene Verhalten zu reden, damit sich Ihr Kind mit Ihnen identifizieren kann.

Durch den Konsum von Alkohol sterben jährlich mehr Menschen als durch den Konsum illegaler Drogen. Ist ein Verbot von Alkohol eine Lösung?

Klöpper: Anlässlich des Weltdrogentages veröffentlichte das Statistische Bundesamt die Zahl der Alkoholtoten im Jahr 2012, gezählt wurden 14 551 Fälle. Damit sind fast viermal mehr Menschen durch die legale Droge Alkohol als durch einen Verkehrsunfall in Deutschland ums Leben gekommen. Dazu kommt noch, dass bei 3,5 Prozent der Fälle von schwerer und gefährlicher Körperverletzung Alkohol eine Rolle spielt. Angesichts von knapp 15 000 Toten sollte jeder bereit sein, darüber zu sprechen, wie man diese Zahl verringern kann.

Welche Lösungsansätze kann es geben?

Klöpper: Suchtexperten zufolge gelten Werbeverbot, ein besserer Jugendschutz sowie Einschränkungen der Verfügbarkeit als wirksam. Eine wichtige Stellschraube bleibt aber der Preis. In Deutschland kann man sich gegenwärtig für ein „Taschengeld“ tottrinken. Eine vernünftige Lösung liegt zwischen einem totalen Alkoholverbot und dem freien Konsum und der freien Verfügbarkeit von Alkohol in Deutschland.

Man spricht von Marihuana üblicherweise als Einstiegsdroge. Gilt Gleiches für Alkohol?

Klöpper: Ja. Es gilt für legale Einstiegsdrogen wie Tabak oder Nikotin.

Abseits vom Alkohol: Welche Drogen sind derzeit immer mehr auf dem Vormarsch? Gibt es Mittel die nicht mehr so stark konsumiert werden?

Klöpper: Nach dem Bericht 2013 der „Deutsch Beobachtungsstelle für Drogen- und Drogensucht haben 4,5 Prozent der Erwachsenen in Deutschland in der Altersgruppe der 18 bis 64 jährigen Personen einen Missbrauch (ca. 283 000) und ca. 319 000 Erwachsene eine Abhängigkeit im Zusammenhang mit dem Konsum der illegalen Droge Cannabis in Deutschland entwickelt. Der Konsum aller anderen untersuchten illegalen Drogenkonsumenten war weit wenigen verbreitet. Alle illegalen Drogen werden mehr von Männern als von Frauen konsumiert.

Auf dem Vormarsch befinden sich die „ Legal Highs“.

Klöpper: In bunten Tüten verpackt und als Kräutermischung, oder Badesalz getarnt, werden sogenannte „ Legal Highs“ meist öffentlich in Online Shops angeboten. Die genauen Inhaltsstoffe und deren Zusammensetzung bleiben meistens unbekannt, die Konsumenten dieser „Wundertüten“ gehen damit ein schwer zu kalkulierendes Gesundheitsrisiko ein.

Wie sieht es mit der Medikamentensucht aus? Aufputschmittel für den Joballtag oder das Studium scheint es immer häufiger zu geben?

Klöpper: Die Schätzungen zur Medikamentenabhängigkeit in Deutschland schwanken zwischen 700 000 und 1,9 Millionen Personen. 4 Prozent aller Befragten im Alter von 18 und 64 Jahren gaben 2010 einen problematischen Arzneimittelkonsum an. Trotz der hohen Zahlen wird die hohe Medikamentenabhängigkeit – stille Sucht – in der Öffentlichkeit kaum wahrgenommen. Medikamentenabhängigkeit betrifft häufig alte Menschen und Frauen. Darüber hinaus Jugendliche und Erwachsene mit psychischen Erkrankungen und Opiatabhängige, die Medikamente als Wirkungsmodulatoren für Drogen missbrauchen. Im Trend ist außerdem der missbräuchliche Konsum von Antidepressiva oder der Konsum von leistungssteigernden Medikamenten, wie etwa Ritalin.

Und das Doping am Arbeitsplatz?

Klöpper: Doping am Arbeitsplatz hat sich in den letzten Jahren als neueres Phänomen entwickelt. Schätzungen gehen davon aus, dass mehr als 2 Millionen Menschen in Deutschland schon einmal zu Leistungsverbesserung zu Medikamenten am Arbeitsplatz gegriffen haben. „Hirndoping“ während des Studiums haben 4 Prozent der befragten Studierenden an deutschen Universitäten zugegeben.

Wie hat sich die Therapie von Abhängigen in den letzten Jahren verändert?

Klöpper: Die Theapiezeit wurde verkürzt auf 4 bis 6 Monate. Handys und PCs wurden unter Einhaltung von Regeln erlaubt.

Gibt es Unterschiede in der Therapie von Alkohol-, Medikamenten- oder Heroinsüchtigen?

Klöpper: Ja. Spezielle Einrichtungen und Therapieverfahren, sowie in der Therapiedauer.

Hellweger Anzeiger, Ausgabe vom 13. Juli 2014