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Der Alkohol und seine Gefahren

Rund um das Thema Alkoholprävention dreht sich in den kommenden Wochen alles für die  Schüler der siebten und achten Klassen. Sie sehen nicht nur ein Theaterstück, sondern  beschäftigen sich auch im Unterricht mit den Gefahren der Gesellschaftsdroge.

Von Julia Bauer
Bergkamen. Auch wenn der Alkoholkonsum bundesweit zurückgegangen ist, artet er in Einzelfällen immer wieder aus. Auf die vielen Gefahren soll jetzt in einer Präventionsreihe aufmerksam gemacht werden. Denn etwa 8,2 Prozent der Jugendlichen zwischen 12 und 17 Jahren trinken Alkoholmengen, die auch für gesunde Erwachsene riskant oder gefährlich sind. Außerdem sind etwa elf Prozent aller Straftäter unter Alkoholeinfluss minderjährig. Und rund 100 000 Kinder und Jugendliche bis 25 Jahre, die in Deutschland leben, alkoholabhängig oder stark alkoholgefährdet. Diese und viele andere Zahlen hat das „Netzwerk Prävention im Kreis Unna“ zusammengetragen. Grund genug für das Netzwerk, um im Vorfeld der bundesweiten Suchtwoche eine Veranstaltungsreihe für Schüler der siebten und achten Klassen auszurichten. Dabei gibt es in Bergkamen eine Premiere. Denn alle weiterführenden Schulen der Stadt werden an dieser Aktion teilnehmen. Das bedeutet, dass damit rund 800 Schüler mit dem Thema konfrontiert werden.

Eltern und Lehrer machen mit
Allerdings werden die Schüler nicht nur das Theaterstück „Alkohölle“ auf der Bühne erleben, das die Schauspieler der Theatergruppe „Theaterspiel Beate Albrecht“ in Juni im studio theater aufführen. Es werden auch die Eltern und Lehrer mit ins Boot geholt. So steht bereits am Mittwoch, 20. Mai, ein Elternabend im Treffpunkt an der Lessingstraße auf dem Programm, bei dem die Eltern allerhand zu dem Thema Alkoholmissbrauch und Prävention erfahren. „Es ist wichtig, auch mit den Eltern ins Gespräch zukommen“, sagt Volker Timmermann von der Kreispolizeibehörde. Immerhin sei es immer häufiger der Fall,
dass Jugendliche ihre Eltern gegeneinander ausspielen. So würde zum Beispiel mitgeteilt, dass bei den Freunden Alkohol getrunken werden darf. „Meist ist das aber gar nicht der Fall“, sagt Timmermann und fügt hinzu: „Deshalb müssen die Elternin ihrer Rolle gestärkt  werden.“ Zusätzlich gibt es am Donnerstag, 21. Mai, eine Fortbildung für Lehrer. Sie haben dann die Möglichkeit, sich mit den Suchtberatern zu beraten und zu überlegen, wie sie das Thema im Unterricht angehen können. Für die Schüler selbst gibt es anschließend einen vorbereitenden Unterricht zu dem Theaterstück „Alkohölle“, das dann am 8. und 9. Juni in vier Vorstellungen im studio theater aufgeführt wird. Zusätzlich ist im Anschluss an die Aufführungen jeweils eine Diskussionsrunde geplant. Daran wird sich auch ein Laiendarsteller beteiligen, der im wahren Leben aber trockener Alkoholiker ist. „Er wird sich den vielen Fragen der Schüler stellen“, sagt Matthias Hundt von der Gemeinnützigen Gesellschaft für Suchthilfe im Kreis Unna. „Wir sind der Meinung, dass sich ein Theaterstück zur Alkoholprävention besser eignet als nur eine reine Informationsveranstaltung“, sagt Hundt. Das Theater wähle schließlich einen anderen Weg und behandele das Thema auf der emotionalen Ebene. „Damit können sich die Jugendlichen besser identifizieren“, sagt Hundt.

Spaß in der Disco ohne Alkohol
Doch mit dem Theaterstück endet die Präventionsreihe noch nicht. Denn am 12. Juni wird in der Teestube der Friedenskirche an der Schulstraße eine Disco für Jugendliche zwischen 12 und 15 Jahren ausgerichtet. Sie steht unter dem Motto „Null Promille – 100 Prozent Spaß“ und soll den Schülern zeigen, dass man auch ohne Alkohol Spaß haben kann. Zudem gibt es am 15. Juni auch noch den Sportaktionstag, der unter dem Motto „Alkoholfrei Sport genießen“.

Quelle: Hellweger Anzeiger 12.05.2015

Die unterschätzte Gefahr

…Gerhard Klöpper von der Drogenberatung im Interview über die Folgen der Volksdroge

Von Maximilian Löchter
KREIS UNNA Der Drogen und Suchtbericht der Bundesregierung für das Jahr 2014 unterstreicht erneut, dass synthetische Drogen weiter auf dem Vormarsch sind. Während sie sich schnell  ausbreiten, vermehrt sich auch das Suchtpotenzial durch zu hohen Alkoholgenuss. Im Interview Gerhard Klöpper, Geschäftsstellenleiter der Drogenberatung Unna, wie er diese Phänomene einschätzt.

„Ein Gläschen Wein am Abend schadet nicht“, sagt man. Doch ab wie vielen Gläschen spricht man von Alkoholismus?

Gerhard Klöpper: Für Erwachsene bestehen Grenzwerten für einen risikoarmen Konsum. Als klar gesundheitsschädlich würde es für Frauen ab etwa 13 Gramm reinem Alkohol täglich und für Männer ab 25 Gramm täglich gefährlich werden.

Umgerechnet in gängige Getränke, wie Bier oder Wein bedeutet das dann was?

Klöpper: Ein 0,3-Bier enthält etwa 13 Gramm reinen Alkohol, ein 0,2-Liter-Glas Wein hat 16 Gramm und eine 0,3-Literflasche Alkopop hat 15 Gramm.

Stichwort Alkopops, wie gefährdet sind Jugendliche in Sachen Alkoholismus?

Klöpper: Jugendliche sind organisch noch anfälliger als Erwachsene. Alkohol ist ein Zellgift, das schon in geringen Mengen Körperorgane und Nervenzellen schädigt. Insbesondere wird bei Jugendlichen die Reifung des Gehirns durch Alkohol in Mitleidenschaft gezogen. Alkoholismus kann nur durch eine ausführliche Krankengeschichte erkannt werden (Anamnese). Das Alkoholentzugssyndrom (erster Indikator) ist durch Tremor (zittern), Unruhe, starkes Schwitzen, Schlafstörungen und Stimmungsschwankungen gekennzeichnet.

Sind Betroffene in der Lage, selbst die Reißleine zu ziehen?

Klöpper: Nein, aber Ausnahmen bestätigen die Regel.

Wie sollten Verwandte/Freunde reagieren, wenn sie glauben, dass jemand aus ihrer Umgebung ein Alkoholproblem hat? Schließlich möchte man niemanden zu Unrecht verdächtigen.

Klöpper: Ruhe bewahren und überlegen, wie Sie die betroffene Person ansprechen können. Suchen Sie eine ruhige Gesprächssituation und bleiben Sie im Gespräch.

Und wenn sich der Verdacht bestätigt, wie verhalte ich mich dann?
Klöpper: Suchen Sie Rat und Hilfe. Wenn Sie Unterstützung benötigen, rufen Sie eine Suchtberatungsstelle an. Hier haben Sie die Möglichkeit, vertrauensvoll über Ihre Sorgen und Ängste mit kompetenten Fachkräften zu reden. Die Beratung ist kostenlos. Selbstverständlich wird Ihr Anliegen vertraulich behandelt. Es gilt die Schweigepflicht.

In den Medien ist immer wieder über das so genannte „Koma-Saufen“ zu lesen. Wann müssen Eltern bei ihrem Kind hellhörig werden?

Klöpper: Häufig geben konkrete Anlässe Grund zur Sorge: Ihr Kind kommt angetrunken nach Hause, riecht nach Cannabis. Hinzu kommen weitere Alarmsignale wie massive Stimmungsschwankungen und impulsives Verhalten, was Sie nur schwer nachvollziehen können.

Wie vermitteln Eltern ihren Kindern überhaupt einen verantwortungsvollen Umgang mit Alkohol?

Klöpper: Kinder lernen im Elternhaus grundlegende Verhaltensweisen. Sie beobachten, wie Erwachsene mit Alkohol und anderen Rauschmitteln umgehen. Es geht nicht darum, sich immer perfekt und tadellos zu verhalten. Vorbild sein bedeutet, aufrichtig über das eigene Verhalten zu reden, damit sich Ihr Kind mit Ihnen identifizieren kann.

Durch den Konsum von Alkohol sterben jährlich mehr Menschen als durch den Konsum illegaler Drogen. Ist ein Verbot von Alkohol eine Lösung?

Klöpper: Anlässlich des Weltdrogentages veröffentlichte das Statistische Bundesamt die Zahl der Alkoholtoten im Jahr 2012, gezählt wurden 14 551 Fälle. Damit sind fast viermal mehr Menschen durch die legale Droge Alkohol als durch einen Verkehrsunfall in Deutschland ums Leben gekommen. Dazu kommt noch, dass bei 3,5 Prozent der Fälle von schwerer und gefährlicher Körperverletzung Alkohol eine Rolle spielt. Angesichts von knapp 15 000 Toten sollte jeder bereit sein, darüber zu sprechen, wie man diese Zahl verringern kann.

Welche Lösungsansätze kann es geben?

Klöpper: Suchtexperten zufolge gelten Werbeverbot, ein besserer Jugendschutz sowie Einschränkungen der Verfügbarkeit als wirksam. Eine wichtige Stellschraube bleibt aber der Preis. In Deutschland kann man sich gegenwärtig für ein „Taschengeld“ tottrinken. Eine vernünftige Lösung liegt zwischen einem totalen Alkoholverbot und dem freien Konsum und der freien Verfügbarkeit von Alkohol in Deutschland.

Man spricht von Marihuana üblicherweise als Einstiegsdroge. Gilt Gleiches für Alkohol?

Klöpper: Ja. Es gilt für legale Einstiegsdrogen wie Tabak oder Nikotin.

Abseits vom Alkohol: Welche Drogen sind derzeit immer mehr auf dem Vormarsch? Gibt es Mittel die nicht mehr so stark konsumiert werden?

Klöpper: Nach dem Bericht 2013 der „Deutsch Beobachtungsstelle für Drogen- und Drogensucht haben 4,5 Prozent der Erwachsenen in Deutschland in der Altersgruppe der 18 bis 64 jährigen Personen einen Missbrauch (ca. 283 000) und ca. 319 000 Erwachsene eine Abhängigkeit im Zusammenhang mit dem Konsum der illegalen Droge Cannabis in Deutschland entwickelt. Der Konsum aller anderen untersuchten illegalen Drogenkonsumenten war weit wenigen verbreitet. Alle illegalen Drogen werden mehr von Männern als von Frauen konsumiert.

Auf dem Vormarsch befinden sich die „ Legal Highs“.

Klöpper: In bunten Tüten verpackt und als Kräutermischung, oder Badesalz getarnt, werden sogenannte „ Legal Highs“ meist öffentlich in Online Shops angeboten. Die genauen Inhaltsstoffe und deren Zusammensetzung bleiben meistens unbekannt, die Konsumenten dieser „Wundertüten“ gehen damit ein schwer zu kalkulierendes Gesundheitsrisiko ein.

Wie sieht es mit der Medikamentensucht aus? Aufputschmittel für den Joballtag oder das Studium scheint es immer häufiger zu geben?

Klöpper: Die Schätzungen zur Medikamentenabhängigkeit in Deutschland schwanken zwischen 700 000 und 1,9 Millionen Personen. 4 Prozent aller Befragten im Alter von 18 und 64 Jahren gaben 2010 einen problematischen Arzneimittelkonsum an. Trotz der hohen Zahlen wird die hohe Medikamentenabhängigkeit – stille Sucht – in der Öffentlichkeit kaum wahrgenommen. Medikamentenabhängigkeit betrifft häufig alte Menschen und Frauen. Darüber hinaus Jugendliche und Erwachsene mit psychischen Erkrankungen und Opiatabhängige, die Medikamente als Wirkungsmodulatoren für Drogen missbrauchen. Im Trend ist außerdem der missbräuchliche Konsum von Antidepressiva oder der Konsum von leistungssteigernden Medikamenten, wie etwa Ritalin.

Und das Doping am Arbeitsplatz?

Klöpper: Doping am Arbeitsplatz hat sich in den letzten Jahren als neueres Phänomen entwickelt. Schätzungen gehen davon aus, dass mehr als 2 Millionen Menschen in Deutschland schon einmal zu Leistungsverbesserung zu Medikamenten am Arbeitsplatz gegriffen haben. „Hirndoping“ während des Studiums haben 4 Prozent der befragten Studierenden an deutschen Universitäten zugegeben.

Wie hat sich die Therapie von Abhängigen in den letzten Jahren verändert?

Klöpper: Die Theapiezeit wurde verkürzt auf 4 bis 6 Monate. Handys und PCs wurden unter Einhaltung von Regeln erlaubt.

Gibt es Unterschiede in der Therapie von Alkohol-, Medikamenten- oder Heroinsüchtigen?

Klöpper: Ja. Spezielle Einrichtungen und Therapieverfahren, sowie in der Therapiedauer.

Hellweger Anzeiger, Ausgabe vom 13. Juli 2014

Gesellschaftlich akzeptierte Gefahr

Je früher Kinder mit dem Alkoholkonsum anfangen, desto größer ist die Suchtgefahr. Seit Jahren leisten Kinder- und Jugendbüro, Suchthilfe und Polizei an den Schulen Aufklärungsarbeit, versuchen einen verantwortungsvollen Umgang mit der Alltagsdroge zu vermitteln. Doch das Interesse sinkt.

UNNA Es hätten vier Aufführungen werden sollen, doch mangels Anmeldungen wird das präventive Theaterstück „Alkohölle“ in der Lindenbrauerei nur dreimal gezeigt. Im Interview mit unserer
Zeitung sprechen Volker Timmerhoff vom Kommissariat Kriminalprävention und Opferschutz, Beate Frommeyer vom städtischen Kinder- und Jugendbüro sowie Matthias Hundt von der Suchthilfe im Kreis Unna über die Gründe, über Eltern als Vorbilder und Wodka in Eisteekartons.

Die Alkohol-Prävention in den Schulen richtet sich gezielt an die Schüler der siebten und achten Jahrgangsstufe, also an Jugendliche zwischen zwölf und 14 Jahren. Wie viele von denen haben schon Erfahrungen mit Alkohol?
Matthias Hundt: Das ist schwer zu sagen. Es ist das Alter der Pubertät, sicherlich auch des ersten Glases Sekt bei der Konfirmation. Grundsätzlich werden Kinder und Jugendliche in unserer  Gesellschaft früh mit Alkohol konfrontiert – anders, als das zum Beispiel in einem islamisch geprägten Land der Fall wäre.

Wieso wählen Suchthilfe, Kinder- und Jugendbüro sowie die Polizei gerade ein Theaterstück, um die Zielgruppe zu erreichen?
Hundt: Die Zielgruppe in unserem Projekt sind nicht nur die Jugendlichen, sondern auch die Eltern und Lehrer. Vor einigen Jahren haben wir uns gemeinsam die Frage gestellt, wie wir alle zusammen erreichen können. So sind wir auf die Schulen gekommen. Für das Theaterstück haben wir uns entschieden, weil es die Schüler emotional berührt.

Worum geht es in dem Theaterstück „Alkohölle“ genau?
Hundt: Der Vater der Hauptdarstellerin Lena war alkoholkrank und ist daran gestorben. Nun ist sie selbst aufgrund dieser Lebenserfahrung kurz davor, auch dem Alkohol zu verfallen. Der ich verpflichten, die Eltern zu einem Elternabend einzuladen, und mindestens einen Lehrer für eine Weiterbildung zu benennen. Erstmals sind in diesem Jahr nicht alle Aufführungen des Stücks  ausgebucht, eine musste sogar abgesagt werden.

Worauf führen Sie das sinkende Interesse zurück?
Hundt: Wir kennen den Grund nicht, sondern können nur unsere Enttäuschung darüber zum Ausdruck bringen. Wir machen das jetzt zum fünften Mal, und in den letzten Jahren war das Stück
immer schnell ausgebucht. Diesmal lief es total schleppend. Von neun weiterführenden Schulen in Unna, die Förderschulen mitgezählt, beteiligen sich leider nur drei. Das ist sehr schade.
Frommeyer: Im Grunde bekommen die Schulen von uns ein vorbereitetes Gesamtpaket, müssen nur zugreifen. Es wird bezuschusst durch die Stadt und durch Spenden, sodass von den Kosten von 2500 Euro für drei Aufführungen nur ein Minimalbeitrag von drei Euro pro Schüler bleibt.

Die geringe Resonanz liegt also nicht an den Schülern, sondern an den Lehrern, die die Anmeldung versäumen?
Frommeyer: Vielleicht ist deren Stundenplan mittlerweile auch so voll, dass sie keine Zeit dafür haben, eine Klasse anzumelden.
Timmerhoff: Eine Schule hat uns zurückgemeldet, dass ihr die Alkoholprävention dieses Jahr nicht ins Konzept passt. Verärgert bin ich darüber, dass zwei Schulen sich trotz mehrfacher Nachfrage  überhaupt nicht zurückgemeldet haben. Vielleicht liegt es wirklich an der Belastung, die ja auch für die Lehrer stark gestiegen ist.

Schule kann bekanntlich nicht all das abfangen, was zuhause womöglich versäumt wird. Welche Rolle kommt den Eltern bei der Prävention zu?
Hundt: Eltern sind Vorbilder, im Guten wie im Schlechten. In der Suchtberatung erleben wir Familien, bei denen die Suchterkrankung von Generation zu Generation weitergegeben wurde.
Frommeyer: Gerade im schwierigen Alter der Pubertät entfernen sich viele Kinder von ihren Eltern. Wenn sie ihr Kind in der Zeit aus den Augen verlieren, ist es ganz schnell in den Brunnen gefallen, im wahrsten Sinne des Wortes. Im Jahr 2009 haben wir vom Kinder- und Jugendbüro an den weiterführenden Schulen eine Umfrage zum Thema Freizeitverhalten und Alkoholkonsum durchgeführt. Auf die Frage „Wissen Deine Eltern, dass Du Alkohol trinkst“, haben damals viele Schüler mit zwölf Jahren schon „Ja“ angekreuzt. Manche Eltern erlauben das viel zu schnell, damit sie nicht darüber diskutieren müssen.
Timmerhoff: Und in der Alkoholprävention haben wir heute noch ein anderes Problem.Früher konnte man sagen: Der erste Schluck Alkohol hat nicht geschmeckt. Es gab Bier, es gab Wein, es hat
bitter geschmeckt. Heute dagegen gibt es die Mischgetränke. Die sind so süß, da merken die Jugendlichen gar nicht, dass sie schon drei Schnäpse getrunken haben, die zum Beispiel in den Alcopops stecken. Die Alcopops haben Jugendschützern vor Jahren große Sorge bereitet. Der Gesetzgeber hat dann mit einer höheren Besteuerung und einer Anhebung des Mindestalters von 16 auf 18 Jahre reagiert.

Hat sich das Problemdamit nicht erledigt?
Timmerhoff: Nein, es gibt ja weiterhin viele süße Getränke mit Alkoholgehalt. Darauf stehen die jungen Leute. Eine Studie der Uni Köln veranschaulicht dies. Auf die Frage, warum sie Alkohol trinken, haben die meisten geantwortet: Weil‘s gut schmeckt. Das war früher nicht so und ist für uns in der Prävention eine neue Herausforderung.Hundt: Die Mischung von Alkohol mit Süßgetränken hat noch einen anderen Aspekt: Wenn ein junger Mensch zum ersten Mal Alkohol trinkt, dann macht der Organismus dicht. Der Körper reagiert automatisch mit Abwehr, der Kehlkopf macht zu, es kommt zu einem Würgereiz. Diesen Schutzmechanismus kann ich außer Kraft setzen, wenn ich den Schnaps mit etwas Süßem mische…
Frommeyer: … zum Beispiel Wodka mit Eistee. Achten Sie mal am Wochenende darauf, wenn Jugendliche in Gruppen durch Unna ziehen. Das sieht immer ganz unverfänglich aus, die haben alle schön ihre Kartons dabei. Das ist eine ganz beliebte Mischung, weil man den Wodka auch nicht riecht.

Muss man angesichts dieser Tatsachen „nüchtern“ konstatieren, dass die Wirkung der Präventionsarbeit nur eine sehr begrenzte ist?
Timmerhoff: Nein, ich würde sogar sagen, dass die Präventionsarbeit in den letzten Jahren viele Früchte getragen hat. Der Alkoholkonsum geht insgesamt zurück. Das Problem, das wir haben, ist, dass diejenigen, die Alkohol trinken, es umso exzessiver tun.
Frommeyer: Aber die Zahl der Jugendlichen zwischen 13 und 20 Jahren, die mit einer Alkoholvergiftung in eines unserer beiden Krankenhäuser eingeliefert wurden, hat sich seit 2008 fast halbiert.
Das führe ich unter anderem auf unsere gute Vernetzung und Aufklärung zurück. Während die Zahl der 13- bis 14-Jährigen mittlerweile bei Null liegt, sind es vor allem die 17-, 18-Jährigen, die über die Stränge schlagen.

Wie ist das bei den „Komasäufern“,die im Krankenhaus  wach werden? Hat das eine abschreckende Wirkung?
Frommeyer: Allerdings. Die Rückmeldungen, die wir bekommen, zeigen: Wer einmal mit einer Alkoholvergiftung im Krankenhaus war, der kommt meist nicht wieder. Wenn die sehen, dass sie  intubiert werden, eventuell an ein Bett angeschnallt, ausgezogen werden und eine Windel umgelegt bekommen, ist das in dem Alter schon ein einschneidendes Erlebnis.

Neben Alkohol gelten  Zigaretten als zweite große legale Alltags- und Einstiegsdroge. Während Rauchen bei den Schülern vielleicht auch durch die starke Verteuerung zunehmend „uncool“ geworden ist, zieht das  „Vertragen“ von Alkohol in rauen Mengen nach wie vor große Anerkennung auf sich. Muss Alkohol vielleicht auch teurer werden?
Hundt: Die Preissteigerungen sind sicher auch eine Form der Prävention, sie haben beim Nikotin schon eine große Rolle gespielt. Und bei den Alcopops hatte die Preiserhöhung auch einen Rückgang
zur Folge.
Frommeyer: Vielleicht sollte bei Alkohol auch generell das Alter heraufgesetzt werden, also auch Bier, Sekt und Wein erst ab 18 Jahren und nicht schon ab 16 verkauft werden. Das Rauchen ist ja seit 2009 auch erst ab 18 erlaubt. Auch das hat sicher etwas gebracht.
Timmerhoff: Ich wäre auch dafür, aber es ist wohl illusorisch. Die Industrie würde sich mit Händen und Füßen wehren, die Wirte auch.

Wie steht es mit Alkoholkonsum in der Öffentlichkeit, der ja in manchen Ländern auch verboten ist?
Hundt: Da hat das beliebte Public Viewing seit der Fußball-WM 2006 nach meinem Empfinden einiges bewirkt, aber nicht zum Guten. Schauen Sie sich mal an Spieltagen in Dortmund um: Die  Jugendlichen, die zum Stadion ziehen, haben alle eine Flasche Bier in der Hand. Das war früher nicht so.
Frommeyer: Bei einem Verbot würde sich aber sofort die Frage stellen, wer das kontrollieren soll. Das würde vielGeld kosten.
Timmerhoff: Und es würden viele dagegen verstoßen. Es geht uns ja nicht darum, Alkohol generell zu verbieten. Unser Ziel ist vielmehr, den richtigen Umgang mit Alkohol zu vermitteln.

Also nicht mit dem erhobenen Zeigefinger wedeln, sondern vor allem Verantwortungsbewusstsein lehren?
Frommeyer: Nur mit dem erhobenen Zeigefinger kann man niemanden erreichen.
Hundt: Bei einer Party mit 16 ein Bier zu trinken, soll ja bestenfalls Spaß machen. Da ist nichts dabei, solange es in Maßen geschieht und in nicht Schlägereien oder ungewollten Schwangerschaften endet. Bei Körperverletzungen ist fast immer Alkohol im Spiel, bei sexuellem Missbrauch häufig auch.
Frommeyer: Alkohol ist eine gesellschaftlich akzeptierte Droge, mit der wir seit Jahrzehnten leben. Deshalb geht es uns darum, den Jugendlichen zu sagen: Es ist ok, wenn ihr trinkt, aber es kommt darauf an, wie ihr damit umgeht.

Freie Plätze beim Theaterstück

Nur 460 von 1700 Schülern der siebten und achten Jahrgänge an den weiterführenden Schulen sind bislang für das Präventionstheater „Alkohölle“ angemeldet. Lehrer, die ihre Klasse noch anmelden
wollen, wenden sich an Volker Timmerhoff, Kommissariat Kriminalprävention, Am Bahnhof 12, 59174 Kamen, Tel. 0 23 07/9 21 44 16, E-Mail volker.timmerhoff@ polizei.nrw.de. Die Theatergruppe „Theaterspiel Beate Albrecht“ aus Witten wird das Stück am 27. und 28. Mai in der Lindenbrauerei aufführen. Es thematisiert die Gefahren des Alkoholkonsums und soll zum Nachdenken anregen.

Von Kevin Kohues

erschienen am 20.04.2013 im Hellweger Anzeiger

Gute Aufklärung über Konsequenzen des Qualmens

Lünen. Der Erfolgsfall liegt sanft schlummernd in einem kleinen Bettchen des St.-Marien-Hospitals und trägt den Namen Aaliyah. Aaliyah ist zwei Tage alt, sie ist das neugeborene Kind von Bianca Gehrke. Einer Mutter, die sich vor der Schwangerschaft das Rauchen abgewöhnt hat:“ Man macht sich ja doch Gedanken über die Gefahren für das Kind“, sagt sie.

Damit ist sie zwar keine Ausnahme, doch noch sorgen sich zu wenige Mütter und werdende Mütter um Folgeschäden durch Alkohol-, Nikotin-, und Drogenkonsum für ihren Nachwuchs. Dem wollte die Kampagne „Ich hab Dich lieb…deshalb rauche und trinke ich nicht!“ entgegenwirken. Gestern wurde nun ein gemeinsames Resümee der Beteiligten von elf sozialen Einrichtungen gezogen, die im Zeitraum von März bis November 2011 in Lünen informiert und sensibilisiert hatten

Persönliche Ansprache

Laut Auskunft von Ellen Pilzecker vom Familienbüro der Stadt, ging es einerseits darum, die breite Öffentlichkeit auf die Gefahren hinzuweisen und andererseits konkret, durch persönliche Ansprache, (werdende) Mütter aufzuklären.“ Hier haben wir insgesamt etwa 1800 Personen erreicht“, so Pilzecker. Auch deshalb wurde die Aufklärungskampagne als Erfolg eingestuft. Anja Wolsza von der Schwangerenberatungsstelle Hamm-Werne konnte von „mindestens drei Fällen“ berichten, bei denen es gelungen sei, werdenden Müttern durch Akupunktur das Rauchen zu entwöhnen.

Mütter mit Schamgefühl

Die Unterstützer der Kampagne waren sich darin einig, dass zahlreichen  Raucher-Müttern zwar bewusst ist, dass sie etwas falsch machen. Allerdings:“ Viele haben Hemmungen oder Schamgefühle, auch darüber zu sprechen“, erklärte Christine Windfuhr-Koch von der Beratungsstelle für Schwangerschaftsprobleme und Familienplanung der AWO. Gerade deshalb sei es wichtig, dass sie mit der Kampagne „wertfreie Unterstützung“ erhalten haben, so Wolsza. Dr. Donat Romann, Chefarzt der Gynäkologischen und Geburtshilflichen Abteilung schätzt, dass aktuell etwa 60 Prozent der von ihm behandelten Frauen Raucherinnen seien. Ein Blick in friedliche Gesichter von Neugeborenen wie das der gesunden  Aaliyah sollte Grund genug sein, um diese Quote künftig zu reduzieren. Eigentlich.

Quelle: Ruhrnachrichten,mm,18.11.2011

Eltern zerstören den Lebensplan ihrer Kinder

Lünen. Wenn Schwangere Alkohol trinken, illegale Drogen nehmen, rauchen und Eltern ihre Kinder zuqualmen, sind die gesundheitlichen Risiken riesengroß. Eine breit angelegte Präventionskampagne  mit elf beteiligten Einrichtungen hat neun Monate lang viele Eltern erreicht und sie für die Probleme sensibilisiert.

„Ich habe Dich lieb, deshalb rauche und trinke ich nicht“ hieß es auf Flyern, in Vorträgen, auf Informationsabenden, bei vielen Begegnungen und es wurden rund 1800 Personen in persönlichen Gesprächen und 170 Mitarbeiter/-innen aus Einrichtungen erreicht, bilanzierte gestern Ellen Pilzecker vom Lüner Familienbüro im Rückblick. Heute wird ab 16 Uhr im Pfarrheim von St. Marien eine Abschlussfeier geben.

Wir haben werdende Eltern angesprochen und Raucherentwöhnungs-Akupunktur angeboten“, berichtete Anja Wolsza von der katholischen Schwangerenberatung. Dreimal sprach das Familienbüro im Rathaus Passantinnen an und verteilte Info-Material. Das Elternbegleitbuch sei um das Kampagne-Thema erweitert worden, teilte Ellen Pilzecker mit. Die Ärztin Susanne Hann vom Gesundheitsamt hielt Vorträge über das hohe Risiko für Kinder, auch die AWO-Beratungsstelle habe das in vielen Gesprächen thematisiert, betonte Christine Windfuhr-Koch.

Besonders problematisch sind Schwangerschaften und der Konsum illegaler Drogen. Die Drogenberatungsstelle erreichte werdende Eltern in Kooperation mit dem Jugendamt. Manche würden befürchten, dass ihnen die Kinder weggenommen werden, weiß Olaf Weißenborn aus der Arbeit mit Abhängigen.

Über die Elternschule war auch das Marienhospital beteiligt. Geburtsklinik – Chefarzt Dr. Donat Romann:“ Wir wissen, wie dramatisch gefährlich die Drogen Nikotin und Alkohol sind und haben zusammen mit der Kinderklinik ein Alkohol-Beispiel durchgespielt, das sehr beeindruckt hat.“Eltern würden eine regelrechte Lebensplanungszerstörung betreiben. 60 Prozent der Schwangeren, die in die Geburtsklinik kommen, sind oder waren Raucherinnen.

Jede Zigarette verringere die Durchblutung der Gebärmutter, die Zahl der Fehlgeburten steige. Hinzu kämen die Atemwegserkrankungen der kleinen Passivraucher, sagt der Mediziner. Und nicht zuletzt sinke die Fruchtbarkeit.

Quelle: Westfälische Rundschau, Gerd Kestermann, 18.11.2011